Buchrezension: Es lebe der Generalist


Ich liebe Bücher über das Lernen. Ich verschlinge sie geradezu. Bücher darüber, wie wir uns schnell neue Fähigkeiten aneignen und darin einfach richtig gut werden. Experten werden in möglichst kurzer Zeit, oder durch viel Beharrlichkeit in langen Zeiträumen, je nachdem, was man liest. „Top Die Wissenschaft von den Besten“ von Anders Ericcson, Grit von Angela Duckworth, „Erfolg braucht kein Talent“ von Daniel Coyle, „The First 20 Hours: How to Learn Anything … Fast“ von Josh Kaufman, um nur einige der Bücher zu nennen, die ich wirklich gefeiert habe.

Die meisten dieser Bücher folgen einem speziellen Paradigma, das wohl zu erst von Ericsson begründet wurde:

Entscheide dich für eine Sache und fokussiere dich auf bewusstes lernen. Laut Ericsson, der sein ganzes Leben damit verbracht hat Experten auf Weltklasse Niveau zu studieren, fußt das bewusste Lernen auf vier Säulen: Auf das Ziel orientieren, Fokus auf die Technik, direktes Feedback, Verlassen der Komfortzone. 

Vor allem aber geht es darum, sich möglichst früh zu spezialisieren, von den Besten zu lernen und immer wieder zu üben, zu wiederholen, seine Fehler genau zu studieren, die eigene Leistung mit den mentalen Modellen abzugleichen und trotz Rückschlägen am Ball zu bleiben. 

Am Ball bleiben ohne links und rechts zu gucken

Das „am Ball bleiben und weitermachen“ ist es, was nach Angela Duckworth gewissermaßen unseren Charakter formt und die Sieger von den Verlierern unterscheidet. Ihr Grit Score gilt als ein besseres Vorhersagekritierum für den Erfolg im Leben, als die Ergebnisse eines SAT oder IQ Tests. Damit ist gemeint: Man entscheidet sich für eine Sache. Ein Hobby, eine Fremdsprache, ein Instrument oder eine Sportart und man macht weiter. Egal, ob man keine Lust hat oder ob man denkt man könnte etwas anderes besser. Man bleibt am Ball.

Ich hatte damit schon immer etwas Bauchschmerzen. Ich habe mir gedacht, wenn jemand im Alter von drei mit Leichtathletik anfängt und immer am Ball bleibt, wird diese Person dann jemals herausfinden, dass er oder sie ein bessere:r Schwimmer:in geworden wäre? Wenn jemand mit fünf Anfängt Geige zu spielen und sich nie erlaubt die Geige gegen ein anderes Instrument auszutauschen, wie soll diese Person dann herausfinden, ob er oder sie nicht viel mehr Spaß am Schlagzeug gehabt hätte? Und geht es überhaupt um Spaß? Ich erinnere mich an eine Aussage von Michael Phelps, die sinngemäß lautete, er habe jede Minute des Trainings gehasst, doch mehr als das Training hasste er das Verlieren. Was hätte dieser Mann leisten können, wenn er eine Sportart gefunden hätte, wo er das Training genossen hätte?

Dabei will ich gar nicht so naiv sein und sagen, dass man nur das tun sollte, was man liebt. Nein, es wird immer Tage geben, da hat man keinen Bock. Es wird Übungen beim Training geben, die man nicht ausstehen kann und viele Tage, an denen man keine Lust hat hinzugehen. Doch wenn man unterm Strich an mehr Tagen lieber hingeht, als an Tagen, an denen man sich zwingen muss – dann hat man alles richtig gemacht.

„Es lebe der Generalist“ ist ein Buch, das einen anderen Ansatz wählt. Das hat mir gefallen. Statt gebetsmühlenartig zu wiederholen, beim Erfolg komme es einzig und allein darauf an, sich so früh wie möglich zu spezialisieren und dann niemals links und rechts zu gucken, damit man nicht eine Minute verschwendet, geht David Epstein einen anderen Weg. 

Er zeigt uns die vielen Vorteile auf, die es hat, wenn man sich breiter aufstellt. Er stellt uns Menschen vor, die davon profitiert haben links und rechts zu gucken, selbst wenn das – was sie am Ende machen – überhaupt nichts mit den unzähligen Ausflügen zu tun hat, die sie auf dem Weg zur Weltklasse unternommen haben.

Wünschenswerte Schwierigkeiten

David Epstein berichtet von verschiedenen Personen, die auf ihrem Gebiet herausragendes geleistet haben. So zum Beispiel die Waisenkinder in Venedig vor einigen hundert Jahren. Ihre Mütter stammten größtenteils aus dem horizontalen Gewerbe der Stadt und häufig steckten sich die Mütter schon vor der Geburt mit Syphilis an, so dass die Kinder häufig unter Behinderungen litten. Als Babys wurden die Kinder dann in der Babyklappe des Ospedale della Pieta abgegeben. Hier lernten sie nicht nur lesen und schreiben, sondern wurden auch in allen möglichen Musikinstrumenten unterrichtet, die sie von nun an regelmäßig in der Kirche spielten. Hierbei fällt vor allem auf, dass die Kinder sich eben nicht früh spezialisierten um für den Rest ihres Lebens nur ein Instrument zu spielen. Stattdessen lernten sie viele verschiedene Instrumente, wie die Violine oder das Violoncello.

Epstein berichtet aber neben diesen Generalisten, die unter Anleitung lernten, auch von zahlreichen Autodidakten. 

Autodidakten lernten viel eher kreuz und quer. Sie folgten keinem speziellen Lehrplan und lernten vor allem durch kontinuierliches Ausprobieren und viel Trial and Error.

Einer der möglichen Gründe, wieso es viele dieser Autodidakten zu herausragenden Leistungen gebracht haben, mag in den so genannten „wünschenswerten Schwierigkeiten“ liegen. Ein Phänomen, das auch in vielen anderen Büchern behandelt wird. Unter anderem in dem sehr empfehlenswerten Buch: „Das merk ich mir“ von Peter C. Brown. 

Mit „wünschenswerten Schwierigkeiten“ ist gemeint, dass das Lernen nicht gradlinig erfolgt, sondern man während des Lernprozesses immer wieder von Rückschlägen getroffen wird. Ein Phänomen, das ich beim Lernen von Vokabeln schon häufig beobachtet habe: die einfachen Wörter, die man sich sofort merken kann, vergisst man auch schnell wieder. Aber die richtig schweren Vokabeln, die man endlos wiederholen musste, die bleiben viel länger im Kopf. So kann ich mir zum Beispiel bis heute noch sehr gut merken, dass „bitte“ auf Niederländisch „alsjeblief“ heißt, auch wenn ich sonst fast alle niederländischen Vokabeln vergessen habe. Ich erinnere mich aber noch sehr plastisch daran, dass ich es nicht in meinen Kopf gekriegt habe, dass ausgerechnet so ein alltägliches Wort wie bitte so kompliziert klingen muss. 

Es scheint so zu sein, dass unser Gehirn uns einfach nicht glaubt, dass eine Information wichtig sei, wenn es uns zu leicht fällt sie zu behalten. Wenn etwas ganz offensichtlich erscheint, denken wir vielleicht unterbewusst: „Das muss ich mir nicht extra merken, das ist so einfach, das werde ich leicht wieder aus dem Zusammenhang erschließen können, wenn ich es brauche“. Wenn wir aber einmal sehr viel Arbeit darauf verwandt haben etwas zu verstehen oder eine Information dauerhaft in unser Gedächtnis aufzunehmen, so ist dies für unser Gehirn mit einem derart unangenehmen Energieaufwand verbunden, dass das Gehirn in Zukunft unbedingt vermeiden möchte noch einmal auf so einem harten Weg zu der Lösung zu gelangen. Lieber verstaut es die Information da, wo es sie immer griffbereit hat. 

Wünschenswerte Schwierigkeiten bei Autodidakten

Autodidakten stoßen naturgemäß häufiger auf derartige Schwierigkeiten, weil sie keine:n Lehrer:in oder Mentor:in haben, der:die diese Hürden für die:den Lernende:n aus dem Weg schafft. Sie erschließen sich neues Wissen also auch viel häufiger durch Versuch und Irrtum und vermitteln ihrem Gehirn damit: „Hey, das war so anstrengend herauszufinden, also merk dir lieber wie es ging, sonst müssen wir das alles noch einmal machen!“

Wohingegen jemand, der unter Anleitung lernt, seinem:ihrem Gehirn sagt: „Hey, das war total easy, weil XY mir einfach gesagt hat, wie es funktioniert. Wenn wir es vergessen ist das keine große Sache, weil XY weiß es ja.“

Strategisches Aufgeben 

Angela Duckworth, die ich oben schon erwähnt habe, hat sich viel damit beschäftigt, wie sich der Gritfaktor (in „Es lebe der Generalist“ wird Grit als Stehvermögen übersetzt) auf den späteren Erfolg im Leben auswirkt. David Epstein greift ihre Forschung hier noch einmal im Detail auf. Ein häufig zitiertes Beispiel ist hier die Militärakademie West Point, wo Kadetten zu Beginn ihrer Ausbildung ein besonders anspruchsvolles Grundausbildungsprogramm durchlaufen. Um für West Point zugelassen zu werden, werden nicht nur herausragende sportliche Leistungen und Noten benötigt. Die Bewerber:innen durchlaufen ein anspruchsvolles Bewerbungsverfahren zu dem unter anderem die Empfehlung eines Kongressmitglieds gehört. Dennoch brechen einige die Ausbildung ab.

Doch das mag gar nicht so negativ sein. Für das Abbrechen werden verschiedene Gründe angeführt. Im Großen und Ganzen geht es aber gar nicht darum, dass die Bewerber:innen nicht grundsätzlich bereit wären, hart zu arbeiten. Das haben sie bereits in ihrem Bewerbungsprozess unter Beweis gestellt. Entscheidend ist hingegen, dass sie merken, dass West Point einfach nicht zu ihnen passt. Und hier ist es sogar besser früher abzubrechen als später.

Denn wer West Point durchzieht, bekommt im Anschluss für fünf Jahre aktiven militärischen Dienst ein Stipendium. Die Ausbildung hat sich allerdings erst nach fünf Jahren Dienst amortisiert. „Gewinn“ würde das Militär erst machen, wenn die Offiziere anschließend im militärischen Dienst blieben, doch das ist bei vielen nicht so. 

Grundsätzlich wäre es also wünschenswerter, wenn die Kadetten direkt nach der Grundausbildung blieben, statt die Ausbildung plus die fünf verpflichtenden Jahre aktiven Dienst durchzuziehen und dann das Feld zu wechseln.

Auch in anderen Gebieten ließ sich aufgeben, dass strategisches Aufgeben eine lohnenswerte Fertigkeit sein kann. Damit ist nicht gemeint, dass man bei jeder Schwierigkeit sofort das Handtuch wirft. Doch wenn man feststellt, dass eine Tätigkeit einfach nicht zu einem passt und man damit nicht glücklich wird, dann ist es besser den Mut zu haben und abzubrechen, da man dann viel Zeit spart und die Chance erhöht eine Tätigkeit zu finden, die besser passt und aussichtsreicher ist, als sich einfach irgendwo durchzuquälen. 

Auch andere Studien kamen zu dem Schluss, dass beispielsweise Studierende, die sich relativ früh spezialisierten beim Jobeinstieg zwar bessere Gehälter bekamen. Hingegen erzielten Studierende, die mehr ausprobierten und sich später spezialisierten, nachdem sie etwas gefunden hatten, was wirklich zu ihnen passte, langfristig bessere berufliche Erfolge und höhere Gehälter. 

Insgesamt ist für mich „Es lebe der Generalist“ ein Buch, das vor allem Mut macht. In der Businessliteratur, Literatur über das Lernen und allgemein in der Persönlichkeitsentwicklung wird uns von allen Seiten eingetrichtert, wir müssen möglichst früh zu Experten werden. Wir müssten und spezialisieren und dürfen unser Feld später nicht mehr ändern. Da wir dann wertvolle Zeit verlieren. Doch dieses Buch zeigt wunderbar, dass man beim Wechsel zwischen den Themenfeldern vor allem gewinnt und auch wenn zwei Tätigkeiten nichts miteinander zu tun haben, so lernt man doch bei dem einen viel wertvolles für das andere und wächst insgesamt als Mensch. 

Für mich ist daher „Es lebe der Generalist“ ein Buch, das auch für Menschen sehr interessant ist, die schon viele Bücher über Persönlichkeitsentwicklung und persönliches Wachstum gelesen haben. Sicherlich kann das Buch auch für Einsteiger toll sein. Doch Bücher für Einsteiger gibt es schon wie Sand am Meer. „Es lebe der Generalist“ geht darüber hinaus, was ich als sehr bereichernd und inspirierend empfunden habe. 

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