Als Kind war ich der aller größte Pokémonnerd. Als ich letztes Jahr – ich glaube es war im Oktober oder November 2015 – das erste Mal von der Veröffentlichung von Pokémon Go gehört habe, war ich sofort infiziert. Ich habe ungelogen seit diesem Tag regelmässig nach „Pokémon Go“ bei Google gesucht um zu erfahren, wann dieses Spiel endlich raus kommt. Kaum vorstellbar, wie sehr mich die Einführung vor 15 Jahren geflasht hätte. Allein die Vorstellung, dass es Pokémon in der RICHTIGEN Welt gegeben hätte. Wow. Das wäre wie ein Brief aus Hogwarts gewesen.

Und das Spiel ist ja auch von seiner grundsätzlichen Überlegung wie geschaffen für Augmented Reality. Es bietet sich einfach an, denn die „Pokémon Welt“ hat – bei näherer Betrachtung – so viele Parallelen mit der richtigen Welt. Das macht es schade, dass die Umsetzung der App so scheiße gelaufen ist. Nicht, weil die Grafik schlecht wäre. Sie ist super. Die Integration von Pokémonanimationen in eine Augmented Reality-Welt kann man sicher nicht besser machen. Aber das Herzblut fehlt.

pokemongo

Das, was Pokémon großartig gemacht hat, waren nicht einfach nur kleine Geschöpfe, die in Bällen eingefangen wurden. Das Großartige war das Storytelling. Mit Ash hatte Pokémon einen unheimlich starken Helden, der eine perfekte Identifikationsfigur für jeden 10 jährigen Jungen (und ja auch viele Mädchen) bot. Dieser Brainwash wurde zusätzlich durch die Fernsehserie angeheizt. Ich weiß noch ganz genau, wie ich den Tag herbeigefiebert hatte, an dem ich mit meinen Eltern extra eine halbe Stunde bis zum Walmart gefahren bin, denn dort gab es POKÉMON GELB. Ich war sowas von süchtig, dass ich das Datum dieses Tages mit einem Bleistift auf ein Regalbrett in meinem Kleiderschrank geschrieben hatte, um ihn – Monate vorher – wirklich nicht zu vergessen.

Pokémon gelb war genau wie die beiden vorher erschienenen Editionen rot und blau (die ich natürlich beide hatte), nur mit dem Unterschied, dass hier Pikachu das Starterpokémon war. Der Absatz dieser Edition beweist, wie stark die Identifikation mit Titelheld Ash und seinem Pikachu in den Köpfen der User verankert war.

Davon fehlt bei Pokémon Go einfach alles. Klar, man ist selbst der Held. Die Identifikationsfigur. Doch es fehlen die Emotionen. Die Konflikte. Es fehlt ein roter Faden, der sich durch die Level zieht und die vielen kleinen Aufgaben, die man innerhalb des Spiels zusätzlich bewältigen musste. Und das alles hätte man wunderbar in die „richtige Welt“ integrieren können. Doch es wurde nicht gemacht. Die Entwickler hatten sich voll und ganz darauf verlassen, dass die revolutionäre Möglichkeit der Augmented Reality dazu ausreicht, die Spielinteressenten zu fesseln. Damit durchlebt Nintendo einen ähnlichen Absturz wie Disney, als die computeranimierten Filme aufkamen. Plötzlich wurde Geld bei den Storys gespart und in Effekte gesteckt. „Gute Storys und starke Helden, Konflikte und Emotionen… brauchen wir nicht… wir haben ne geile Grafik“.

Ein weiterer Schwachpunkt der App ist, dass das Belohnungssystem zu selten angetriggert wird, um die Spieler langfristig bei Laune zu halten. Am Anfang erhält man viele Trigger. Man steigt schnell auf, erhält neue Items. Findet ständig neue Pokémon, die noch nicht im Pokedex aufgetaucht sind. Doch mit der Zeit wird es ermüdent und langweilig. Insbesondere, weil man für das Aufsteigen in weitere Level mehr Erfahrungspunkte benötigt, aber trotzdem mit jedem neuen Pokémon – ganz egal wie stark es ist – nur 100 EP bekommt. Plus 500, wenn es ein neues Pokémon ist (hier sinkt aber – wie bereits angesprochen – die Wahrscheinlichkeit je weiter man im Spiel voran kommt).

Das Belohnungssystem wird also ab den aufsteigenden Leveln mit immer weniger Reizen gefüttert und bei Laune gehalten. Ein Zustand, der Spieler in höheren Leveln ermüdet und dazu führt, dass das Interesse an der App abnimmt. Das ist Schade, denn hier hätte man unberechenbare neue Reize liefern müssen. Denn prinzipiell ist die Idee auch für Raupys und Taubsis (die es bekanntlich an jeder Ecke gibt) genau so viele EP zu liefern, wie für das zweite Turtok eine gute.

Anfangs hatte ich mich darüber gewundert, dass man für ein schwach gefangenes Pokémon genau so viele Pokémonbonbons und Sternenstaub (beides Items, die man benötigt um das Level des Pokémons zu erhöhen bzw. es zu entwickeln) erhält. Auch für das Entwicklen von Pokémon erhält man in jedem Fall gleich viele EP. Egal ob man das fünfzigste Rattfatz entwickelt oder ein wirklich seltenes Pokémon.

Doch bei genauerer Betrachtung entfaltet Pokémon Go hier seinen pädagogischen Nutzen. Es lehrt uns, dass wir – egal wie weit wir aufsteigen – niemals vergessen dürfen, dass es die Basics sind, die uns dort hingebracht haben. Pokémon Go erzieht uns die Arroganz ab. Es zeigt uns, dass wir nicht einfach die ersten Schritte überspringen dürfen und direkt zum Dritten oder Vierten aufsteigen können.

Wir nehmen auf dem Weg nach oben jedes verdammte Raupy, Zubat oder Hornliu mit, das uns über den Weg läuft, denn auch die kleinste Übung bringt uns dem Sieg näher.

Sam
 

Ich bin Sam, 27, Reisender und zur Zeit "obdachlos auf ganz hohem Niveau". Ich habe mal sehr viel Geld mit eBooks verdient, bis Amazon es mir verboten hat.

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