Um mit Büchern auf Amazon Geld zu verdienen gibt es zwei Einnahmemodelle, deren Erfolg sich gegenseitig beeinflusst. Da wären zum einen die Sales und zum anderen die Ausleihen. Bei den Sales ist es recht easy. Kostet ein Buch zwischen 2,99 und 9,99 Euro, so kann man angeben, dass man 70% Tantieme erhalten möchte. Liegt der Preis außerhalb dieser Spanne, so lässt Amazon nur das 35% Tantieme Programm zu.

Neben der größeren Preisauswahl bietet dieses noch den Vorteil, dass die „digitalen Lieferkosten“ nicht in Rechnung gestellt werden. Bücher mit überwiegend gemeinfreiem Inhalt dürfen sowieso nur ins 35% Tantieme Programm.

Wenn ein Buch 99 Cent kostet, so erhält der Autor 33 Cent netto. Die Umsatzsteuer führt Amazon bereits ab. Sie beträgt übrigens 19% bei eBooks und nicht 7%, weil der Gesetzgeber der Meinung ist eBooks seien keine richtigen Bücher, sondern Software. Aber das ist ein anderes Thema.

Kostet ein Buch hingegen 2,99 Euro, so erhält der Autor – je nach digitalen Lieferkosten (also Dateiumfang) – etwa 1,74 Euro. Er macht also einen weitaus besseren Deal.

Überall liest man, dass Autoren sich zusammentun sollen und dem Preisdumping im eBook Markt keine Chance geben dürfen. 2,99 Euro für ein Buch. Das ist etwa so viel wie für eine Tasse Kaffee. Das sollte dem Leser das Vergnügen doch wert sein, oder etwa nicht?

Da wäre aber auch noch die Leihbibliothek. Jetzt wird es erst richtig schmutzig. Denn die Kindle Unlimited Bibliothek funktioniert so, dass jeder einen monatlichen Betrag einzahlt. 9,99 Euro in Deutschland. Dann wird dieses Geld gesammelt und – inzwischen – durch die Anzahl der gelesenen Seiten geteilt. Amazon trackt auf dem Kindle sehr genau, wie viele Seiten gelesen wurden und verteilt es dann anteilig auf die Autoren.

Hinzu kommt für die 150 besten Autoren ein Bonus, ebenso gibt es einen Buchbonus für die meistgelesenen Titel. Das Seitenkonzept ist allerdings erst circa ein Jahr alt. Früher teilte Amazon das Geld im Pool durch die Anzahl der ausgeliehenen Titel (sofern von einem Buch mehr als 10% gelesen wurden).

Gefangenendilemma

Nun stellen wir uns Folgendes vor:

Vier Gangster planen einen Bankraub. Nennen wir sie einfach mal Vincent, Niccolo, Peter und Marcus. Ähnlichkeiten zu existierenden Personen sind rein zufällig.

Die Polizei erwischt sie auf der Flucht und jeder von ihnen wird getrennt von den anderen in einem separaten Verhörraum bearbeitet. Man legt ihnen folgendes Konzept vor:

  • Wenn keiner von euch aussagt, dann haben wir nichts gegen euch in der Hand. Wir müssen euch laufen lassen.
  • Wenn du aussagst und sonst keiner, dann bekommst du 5 Jahre und die anderen 10 Jahre
  • Wenn ein anderer aussagt und du nicht, bekommst du 10 Jahre und er 5

Dann steht Peter vor der Entscheidung, was er machen soll. Soll er es riskieren und nicht aussagen? Im besten Fall kommt er dann frei – sofern sich die anderen auch daran halten – doch im schlechtesten Fall bekommt er 10 Jahre. Wenn er aussagt, bekommt er nur 5 Jahre.

Er macht seine Entscheidung natürlich davon abhängig, wie wohl die anderen gerade denken und wie sie entscheiden würden. Wird sich jeder daran halten und nichts sagen? Oder wird jemand kalte Füße bekommen? Was ist mit Marcus? Der wird sicherlich seine eigene Haut retten wollen und lieber aussagen, um die fünf, statt die 10 Jahre zu bekommen.

Peter überlegt. Kann er darauf vertrauen, dass die anderen auch dichthalten?

Nein, sicherlich nicht.

Er hat doch den panischen Blick in den Augen von Vincent gesehen.

Peter ist sich zu 100% sicher, dass Vincent nicht die Nerven behalten wird. Er will nicht der Dumme sein, der schweigt, während die anderen ihn in die Pfanne hauen.

Er sagt aus.

Genauso denken die anderen auch. Jeder weiß, dass es eine „beste“ Strategie gibt. Nämlich nicht auszusagen. Wenn jeder sich daran hält, dann würden sie alle freikommen. Doch keiner hält sich dran. Denn niemand vertraut den anderen so sehr. Jeder unterstellt seinem Mitganoven, dass er seine eigene Haut auf Kosten der Gruppe retten will und so entscheidet sich jeder den Gruppengeist zu verwerfen. Außer Niccolo, der tatsächlich immer die Klappe hält, denn er ist ein Ehrenmann und bekommt deswegen 10 Jahre.

Amazon Kindle Gefangenendilemma

Mit der Preiskalkulation bei Amazon verhält es sich ganz genauso. Theoretisch weiß jeder Autor, dass es für ihn besser wäre ein Buch nicht für 99 Cent rauszuschmeißen.

Nicht nur, dass er weniger verdient, da der Preis geringer ist. Er hat sogar nur Anrecht auf eine niedrigere Ausschüttung. Er erhält etwa 1,40 Euro weniger pro Verkauf!

Doch gleichzeitig packt jeden die Angst, dem Wettbewerb nicht standhalten zu können, wenn sie sich nicht ebenfalls auf einen Preiskampf einlassen. Das wirklich große Problem bei dieser Preisinflation ist die KindleUnlimited Flatrate.

Stellen wir uns vor, dass ein Amazonkunde für 9,99 Euro eine Leseflatrate abschließt. Normalerweise würde er im Monat vielleicht 5 Bücher mit jeweils 200 Seiten lesen. Er würde also für seine 9,99 Euro 1.000 Seiten Lesegenuss konsumieren.

Der Autor eines 200 Seiten Buches würde entsprechend anteilig 2 Euro an der Ausleihe verdienen. Kein schlechter Deal. Insbesondere nicht, wenn das Buch für 99 Cent drin ist.

Doch lohnt sich die Flatrate dann auch für den Leser? Nein. Denn hätte er diese 5 Bücher zu je 99 Cent gekauft, so hätte er insgesamt nur 4,95 Euro ausgegeben, nicht aber 9,99 Euro. Er zahlt also über 5 Euro zu viel.

Es dauert nicht lange, bis die Kunden darauf kommen und für sich ausrechnen, wann sich eine Flatrate lohnt. Die Antwort ist relativ simpel.

Die Flatrate lohnt, wenn man im Monat 10 Bücher liest, die 99 Cent gekostet hätten.

Wenn jedes dieser Bücher nun 200 Seiten hat, lohnt sich die Flatrate nur noch für Leserinnen und Leser, die im Schnitt 2.000 Seiten im Monat lesen. Der Autor erhält nun für sein 200 Seiten Buch nur noch durchschnittlich 1 Euro pro Buch.

Dieser Betrag fällt so lange, bis eine natürliche „Schnittmenge“ gefunden wurde.

Gerade liegt die Auszahlungsquote bei etwa 3,3 Euro pro Tausend Seiten. Wir können daraus ableiten, dass ein durchschnittlicher KindleUnlimited Kunde – ein typischer Vielleser – Gesetz dem Falle, dass er 10 Bücher im Monat ausleiht und liest – insgesamt 3.000 Seiten liest.

Das durchschnittliche Kindle Buch hat also etwa 300 Seiten und man erhält für die Ausleihe ungefähr 1 Euro.

Das ist immer noch ein guter Deal, denn am Sale hätte man lediglich 30 Cent verdient. Also immer noch 70 Cent mehr, als ein Sale gebracht hätte.

Aber würden sich alle Autoren daran halten ihre Bücher nicht für unter 2,99 zu verscherbeln, dann würde sich die Flatrate auch für Leute lohnen, die nicht mindestens 10 sondern nur 4 oder 5 Bücher im Monat lesen. Die Auszahlungsquote würde wieder hochgehen und alle würden mehr daran verdienen.

Knalharter Wettbewerb und Inflation schaden allen

Das Problem ist hier aber der knallharte Wettbewerb.

Typische Vielleserliteratur ist Chicklit. Seichte Liebesgeschichten für Frauen. Sachbücher hingegen (die naturgemäß teurer sind und seltener verramscht werden) werden deutlich weniger ausgeliehen.

Der typische „Sachbuchleser“ nutzt KindleUnlimited eher selten, da das Angebot für ihn kleiner ist.

Und in Puncto Chicklit kommt der Traffic auch nicht (wie bei Sachbüchern) über die Suche. Sondern über die Bestenliste und die Empfehlungen unter anderen Büchern.

Der Druck nimmt zu: Woher kommt der Buchtraffic?

Diese beiden Traffickanäle werden sowohl durch Sales als auch durch Ausleihen beeinflusst. Wer also auf diesem Gebiet mit seinen Ausleihen mithalten möchte, der kann das nur auf dem Rücken der Sales machen. Der Autor oder die Autorin muss viele Sales generieren, um in die related und in die Bestenliste zu kommen und so erst die Chance zu haben, die Sichtbarkeit bei ihrer Zielgruppe zu erreichen.

Obwohl es für alle eine ideale Strategie gäbe: »Bücher nicht unter 2,99 Euro anbieten«. Denkt sich jeder: Aber wenn ich es nicht mache, verramscht jemand anders seine Bücher und nimmt mir damit die Sichtbarkeit in der Bestenliste.

Angenommen jemand erzielt mit seinem 300 Seiten Buch im Monat 300.000 gelesene Seiten und 400 Sales.

Im Bereich Chicklit ist das realistisch. Auf einen Sale kommen in der Regel 2 Ausleihen, bei Chicklit sogar 3 Ausleihen. Allerdings lesen nicht alle das Buch zu Ende. Wir haben also 1.200 Ausleihen auf 400 Sales, die das Buch im Schnitt nur zu 85% lesen.

Hätte das Buch 2,99 Euro gekostet, so hätte der Autor an ihm 688 Euro mit Sales verdient (wir legen 1,72 Euro netto nach Abzug der Lieferkosten zu Grunde). Zusätzlich etwa 990 Euro aus der Leihbibliothek. 1.678 Euro.

Einen Buchbonus oder Autorenbonus gibt es bei diesem Zahlen leider noch nicht.

Hätte das Buch aber 99 Cent bekommen, hätte er (bei gleichen Ausleihzahlen) nur 132 Euro an den Sales verdient. 1.122 Euro gesamt. 556 Euro weniger!

Allerdings hätte er mit einem 99 Cent Preis mehr Sales gehabt. Daraus resultieren mehr Ausleihen und entsprechend mehr gelesene Seiten + gegebenenfalls einen Bonus.

Die Angst, zwischen den 99 Cent eBooks unterzugehen, treibt so jeden stärker in die Inflation. Und am Ende verdienen alle weniger.

Lösungswege?

Theoretisch ist die Lösung so einfach. Besonders die erfolgreichen Autoren dürfen ihre Bücher nicht mehr verramschen. Insgesamt muss Selfpublisher Belletristik wieder teurer werden. Allerdings wird das nicht funktionieren. Die Masse ist zu groß, zu heterogen, als dass man sie organisieren könnte. Es werden sich immer Leute nicht daran halten. Die Autoren, die es tun, werden sich am Ende ärgern mit endlosen Diskussionen auf Facebook ihre Zeit verschwendet zu haben. Doch es gibt noch eine andere Möglichkeit, die den Markt bereinigen könnte: Wir brauchen mehr Sachbuchautoren.

KindleUnlimited muss für andere Lesergruppen attraktiver werden! Der typische KindleUnlimited Kunde gerade ist eine Leserin, die gerne Liebesromane liest, in denen ein Millionär (oder Milliardär) ein Aschenputtel kennen- und lieben lernt. Oder irgendwas mit Vampiren.

Schafft man es allerdings KindleUnlimited auch wieder für andere Lesergruppen interessant zu machen, bekommt man in den Pool viele neue Einzahler, für die sich die Flatrate auch bei weniger als 10 Büchern im Monat lohnt. Da sie nun nicht mehr vor der Wahl: 99 Cent ausgeben oder leihen?-Stehen. Sondern vor der Wahl: 7,99 Euro ausgeben oder leihen? Dann lohnt sich das Modell bereits ab dem 2. Buch und wäre somit auch für Kundinnen und Kunden interessant, die gar nicht so viel lesen wollen.

KindleUnlimited muss attraktiver werden für eine neue Generation von Autorinnen und Autoren. Ich meine damit die Selfmadeexperten, die bereits mit ihren Blogs das Internet erobert haben. Sie haben oft schon eine regelmässige Leserschaft. Wieso bloggt niemand im eBook Format?

Sam
 

Ich bin Sam, 27, Reisender und zur Zeit "obdachlos auf ganz hohem Niveau". Ich habe mal sehr viel Geld mit eBooks verdient, bis Amazon es mir verboten hat.

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