Jeden Freitag neue Buchtipps

Es gibt nicht viel Regelmässigkeit in meinem Leben. Eigentlich gar keine. Aber eins ist sicher: Jeden Freitag schreibe ich eine Mail an meine Kontakte, in denen ich ihnen for free mindestens einen guten Buchtipp gebe zusammen mit der Info, wieso dieses Buch oder die Bücher für mich so wertvoll sind. Eintragen lohnt sich.


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Storytelling: Geschichten erzählen

Ich arbeite gerade an zwei neuen Projekten, eines im Bereich WordPress und eines im Bereich Snapchat. Die Verbindung zwischen beiden ist mein Interesse an Storytelling.

Geschichten sind es, die mich schon immer fasziniert haben und die auch einen wichtigen Teil meiner Arbeit darstellen. Sowohl, wenn es darum geht Menschen Geschichten zu verkaufen, als auch wenn ich als Berater und Autor tätig bin und den Leuten erkläre, wie sie durch Geschichten getäuscht werden.

“Stories are how we remember; we tend to forget lists and bullet points.”

– Robert McKee

Robert McKee sagt, dass es zwei Arten gibt, wie Menschen Informationen aufnehmen. Einerseits auf einer Faktenebene, dafür ist die linke Gehirnhälfte zuständig, andererseits auf einer narrativen Ebene, die über die rechte Gehirnhälfte abgewickelt wird. Unsere rechte Gehirnhälfte, die für kreatives, künstlerisches und assoziatives Denken verantwortlich ist, liebt Geschichten. Den meisten Menschen fällt es viel schwerer die Konzentration aufrecht zu halten, wenn man sie mit rein logischen Informationen bombardiert. Zahlen, Daten, Fakten. Verpackt man diese Informationen in Geschichten, werden viele unterschiedliche Gehirnareale angesprochen, zu den neuen Informationen werden sofort eigene Erfahrungen gesucht, die mit den aufgenommenen Informationen abgeglichen werden. Wir identifizieren uns mit dem Protagonisten, hegen Sympathie für ihn und empfinden Empathie. Wir nehmen ihn als Vorbild, betrachten ihn teilweise auf Augenhöhe und erleben das erzählte stellvertretend durch den Protagonisten für uns selbst.

Schon Martin Luther wusste das, als er sagt:

“Wenn man vom Artikel der Rechtfertigung predigt, so schläft das Volk und hustet; wenn man aber anfähet, Historien und Exempeln zu sagen, da reckts beide Ohren auf, ist still und höret fleißig zu”

– Martin Luther

Mit diesem Wissen liegt es auf der Hand, wieso die Übersetzung der Bibel Luther den Durchbruch gebracht hat. Endlich war das – von der Kirche gepredigte – Wissen für das normale Volk ohne Zugang zur lateinischen Sprache, greifbar geworden. Wie wichtig diese Übersetzung für die Verbreitung und Machtstärkung der Kirche war, erkennt man, wenn man das Nibelungenlied mit Texten vergleicht, die einige Jahrhunderte später von den Brüdern Grimm zusammengetragen wurden.

Doch trotz Reformation, Bibelübersetzung und Buchdruck ist es der Kirche bis heute nicht gelungen die „Reste“ der heidnischen Kultur und insbesondere der germanischen und nordischen Mythologie aus unserem Sprachgebrauch zu tilgen. Da wären zum einen sehr viele deutsche Wörter, die ihren Ursprung in der nordischen Mythologie haben. Genannt seien an dieser Stelle „Trümmer“ und „Tyrann“, die sprachwissenschaftlich auf den nordischen Kriegsgtt Tyr zurückgehen. Aber auch „geboren“ und „Geburt“, deren Ursprung wir bei „Bor“ finden, in der Mythologie der erste Mensch, der geboren wurde.

Da kann man jetzt sagen „ja das sind Reste“, „das sind Sprachfetzen, die eben noch übergeblieben sind“. Aber es geht noch viel weiter. Viel tiefer. Bis heute hat es die Kirche nur bei einem einzigen Wochentag geschafft das heidnische Glaubenssystem aus seinem Namen zu tilgen. Und das auch nur in Deutschland.

Es ist der Mittwoch.

Als die Römer nach Germanien kamen, haben sie eine Menge Innovation mitgebracht. Zum Beispiel Aquädukte, aber auch den Kalender. Anders, als es uns Asterixcomics Glauben machen wollen, bedienten sich die Römer einiger psychologischer Tricks um den neu unterworfenen Völkern, die Anpassung leichter zu machen, statt zu nur mit Gewalt niederzuschlagen. Da die römischen Wochentage nach Gttern benannt waren, versuchten sie in der germanischen Mythologie für jeden Gtt und dazugehörigen Tag ein Pendant zu finden. Den Germanen konnten sie so erklären: „Ja, ja… das ist derselbe. Der heißt nur bei uns anders…“

Sonntag ist der Tag der Sonne. Hier taucht auch schon das erste Problem in der germanisch-römischen Übersetzungstabelle auf. Bei den Germanen war „Sol“, die Sonnengttin eine Frau. Bei den Römern hingegen ist „Sol“ ein Mann. Daher heißt es auch in den romanischen Sprachen „el [also: der] Sol“ und dagegen auf deutsch „die Sonne“. Beim Mond setzt sich dieses Problem fort. „Maan“ ist bei den Germanen der Bruder von Sol, also ein Mann. Bei den Römern hingegen ist der Mond eine Frau. Wir erinnern uns: „der Mond“ aber „la luna“.

Der Montag heißt also folgerichtig auf Spanisch „el lunes“. In diesem Fall el (männlich), weil Tage immer männlich sind. Bei uns heißt er Montag. Vom Mond, nicht von Mohn. Im Niederländischen hört man es noch deutlicher „Maandag“ und weil Niederländisch sehr nah an Deutsch und Englisch angesiedelt ist, merkt man den fließenden Übergang von Maandag-Monday-Montag.

Ebenso Dienstag, Lateinisch „Martis diem“ – im Italienischen – il martedì, der Tag des Mars. Mars ist der Kriegsgtt, er ist die römische Variante des griechischen Ares. Auf ihn geht auch der Name des Monats März zurück, doch dazu unten mehr. Auch die Germanen hatten einen Kriegsgtt. Es ist Tyr, wie schon oben angemerkt die sprachliche Wurzel der Worte Tyrann und Trümmer. Dienst ist also nicht der Tag, an dem man „Dienst“ hat, sondern der Tag von Tyr. Tyrstag. Im Niederländischen Dinsdag hört man es nicht so sehr wie im englischen „Tuesday“.

Der Gttervater Zeus hieß bei den Römern Jupiter. Sie haben ihm den Iovis diem, den Tag des Jupiter italienisch „giovedì“, spanisch „el jueves“ gewidmet. Jupiter oder Zeus ist verantwortlich für Blitz und Donner, auch hier gibt es einen nordischen Verwandten. Thor, der ebenfalls Blitz und Donner macht und auch Anführer der Gtter ist. Der Thorstag, der Tag von dem, der den Donner macht ist daher der Donnerstag. Im Niederländischen Donderdag und im Englischen hört man es besonders gut: Thursday. Da steckt sowohl Thor als auch Thunder drin.

Doch die Verwendung des Namens Thor ist nicht einheitlich im germanischen Sprachraum gewesen. Bei den Südgermanen hieß er nicht Thor sondern Wotan. Es ist wohl einer besonderen Toleranz geschuldet, dass Thor alias Wotan für alle Anhänger gleichermaßen einen Tag bekommen hat. Den Wotanstag. Wednesday oder Woensdag. Er ist der einzige Tag, den die Kirche in Deutschland erfolgreich gegen den pragmatischen „Mittwoch“ ersetzen konnte. In romanischen Sprachen ist es übrigens bis heute der „Mercuri diem“ – Tag des Merkur, der keine passende germanische Entsprechung gehabt hatte: el miercoles auf Spanisch oder il mercoldì.

Bleibt noch Freitag.  In den romanischen Sprachen finden wir hier die Wurzel der Venus. El vienes, heißt er auf Spanisch. Veneredì auf Italienisch. Und das Lexikon beschreibt ihn als „ETIMOLOGIA Lat. Venĕris diem; propr. “giorno di Venere”“ – Tag der Venus. Die Liebesgttin. Auch die Germanen hatten eine Frau, die der Venus ähnelte. Freya. In einer Geschichte in der Edda hat es Freya auf eine schöne Kette abgesehen, die neun Zwerge für sie herstellen sollen. Als sie die Zwerge danach fragt, was sie als Lohn für die Herstellung haben möchten, verzichten sie auf Gold und Silber und verlangen von der schönen Freya stattdessen, dass sie jede Nacht mit einem anderen Zwerg das Bett teilen soll, bis die Kette fertig ist. Das ist okay für Freya. Schneewittchen wirft ihre Schatten voraus. Der Freitag ist also nicht der Tag, an dem man frei hat, sondern der Tag von Freya. Sonst müsste es auf Englisch auch Freeday heißen. Tut es aber nicht. Es heißt Frieda, im Niederländischen hört man den Übergang wieder besonders deutlich. Vrijdag. Geschrieben mit i, wie im Englischen Friday, aber gesprochen wie Frei. Der Tag von Freya.

Bleibt noch der Samstag. Ursprünglich der Tag des Saturn. Wir erinnern uns: Saturn verschlingt seine Kinder. Saturn – bei den Griechen hieß er noch Chronos – ist der Vater von Jupiter / Zeus. Zeus überlegt die Fressattacken seines Vaters, versteckt von der Mutter gelingt es ihm eines Tages den Vater zu kastrieren, während er sich über die Mutter hermacht (Freud hatte an dieser Geschichte sicherlich seine Freude!), verteilt dabei das restliche Erbgut seines Vaters über die Meere und zeugt aus dem Sperma Saturns mit den Wellen die Venus. Mit diesem Akt erhebt sich Zeus über Saturn und wird zum neuen Gttervater. Die Römer widmeten daher Jupiter den größten Planeten im Sonnensystem und Saturn nur den zweitgrößten.

Spannend ist jedoch, dass der heutige Name in den romanischen Sprachen – und vermutlich auch im Deutschen – nicht mehr auf Saturn zurückgeht sondern auf das Hebräische Shabbat. Nur im Englischen ist er geblieben, der SATURday.

Bei den Monaten ist es übrigens ähnlich. Auch hier gibt es viele interessante Geschichten zu erzählen, die aber jetzt den Rahmen sprengen würden. Wenn gewünscht reiche ich dazu einen Artikel nach. Schreibt mir gerne in den Kommentaren, bei Snapchat (SamFeuerstein), Facebook, Instagram oder Twitter, wenn ihr Bedarf für einen Folgeartikel seht.

Interessant ist aber immer noch die Frage, wieso sich die Wochentage so lange halten konnten. Den Grund sehe ich in den dazugehörigen Geschichten. Die Römer haben es verstanden, dass sie die Germanen nicht einfach mit Gewalt unterwerfen können. Sie mussten ihnen Alternativen anbieten. Sie mussten ihre Kultur in Germanien etablieren, indem sie mit den Germanen zusammen etwas neues entwickelten und Kompromisse schafften. Das haben die Römer auch im Laufe der Christianisierung wunderbar gemacht. Sie haben die germanischen Traditionen, Bräuche und den Glauben der Heiden nicht zerstört bzw. sie haben verstanden, dass sie ihn nicht ausmerzen können. Stattdessen haben sie die germanische Lebensweise neuerfunden, auf der Grundlage der Kirche, die an das einstige Weltbild andockt.

Das sehen wir wunderbar am Beispiel von Weihnachten, ein Fest, das nicht zufällig am 24. Dezember gefeiert wird. Es ist die Zeit, in der in Rom auch das alljährliche Saturnalienfest stattfand. Etwa um die Zeit rum, zu der auch die Kelten die Wintersonnenwende zelebrieren. Aber auch zu Ostern setzt sich der Papst nicht jedes Jahr neu hin und prüft seinen Terminkalender nach einem passenden Sonntag für Ostersonntag. Stattdessen findet Ostern immer am ersten Vollmond im Frühling statt und der Hase und die Eier sind symbolische Überbleibsel eines heidnischen Fruchtbarkeitskultes. Sie haben Kompromisse gemacht und etablierten so das Christentum in Germanien.

Die Kompromisse führten letztendlich dazu, dass wir noch heute einige Reste des germanisch-mythologischen Kultes in unserem Alltag haben. Denn es gibt einen Grund, wieso sich diese Tage nicht vollständig durch etwas Neues ersetzen lassen wollten: es sind die Geschichten. Die Geschichten bleiben länger in unserem Gedächtnis haften. Wenn wir heute über Ostern sprechen, dann fällt den Leuten als erstes der Hase ein, die bunten Eier. Da ist ein plastisches Bild, eine Story. Eine Geschichte, die vor allem jetzt eine Renaissance erlebt, denn man erzählt seinen Kindern viel lieber von einem Hasen, der Eier bringt, als von einem Märtyrer, der am Kreuz verblutet ist. Das ist irgendwie nicht so pädagogisch wertvoll, wie der flauschige Hase und irgendwie ist es der Kirche auch nicht so gut gelungen die eigentlichen Werte der Jesusgeschichte bis in die heutige Zeit zu transportieren.

Denn eigentlich ist die Erzählung von Jesus am Kreuz eine großartige und epische Story. Es ist die Geschichte von einem Mann, der bereit war für seine Überzeugung zu sterben. Der lieber tot war, als in einer Welt zu leben, in der er nicht für seine Meinung aufstehen konnte. Und mit seinem Glauben an etwas, das viel größer war, als er selbst, gelang es ihm das Unmögliche. Der größte Taschenspielertrick in einer – an Illusionen (auch ‚Wunder‘ genannt) nicht armen Karriere: er schaffte es den Tod zu überwinden. Wie der Phoenix aus der Asche ist er wieder auferstanden. (Um dann wieder zu gehen. Gerade, wenn das Happy End so nah erscheint geht er, im Vertrauen darauf, dass er eine irreversible Veränderung in Gang gebracht hat! Ganz großes Kino!)

Vielleicht sollte ich mich mal im Vatikan als PR Manager bewerben. Gianluigi Nuzzi hatte behauptet: die zahlen gut!

Sam
 

Ich bin Sam. Bei mir dreht sich alles darum, wie ich Schwachstellen und Lücken finden kann, um mein Leben extravaganter zu gestalten. Ich lebe die meiste Zeit in Hotels oder auf einer Mittelmeerinsel. Ich mag Anzüge, Bücher und gutes Essen. Außerdem habe ich mal viel Geld mit eBooks verdient, bis Amazon es mir verboten hat!

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Menschen verstehen und beeinflussen – Sam Feuerstein - 19. September 2016

[…] diese Werte kannst du dann spiegeln, durch Geschichten und Storytelling verdeutlichen oder durch Taten unter Beweis […]

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Menschen mit Geschichten neugierig machen - Sam Feuerstein - 9. Februar 2018

[…] Lieblingsthemen, mit denen ich mich in den letzten Jahren intensiv beschäftigt habe. Mit gutem Storytelling und geilen DHV Storys kannst du sehr viel Attraction aufbauen (also attraktiv wirken). Doch, wie […]

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