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Warum mein persönliches WordPress Theme ein absoluter Reinfall war und was ich daraus gelernt habe

Vor etwas über einem Jahr habe ich mich entschieden für meinen Blog SamFeuerstein.com ein eigenes WordPress Theme in Auftrag zu geben. Zusammen mit meinem damaligen Frontendentwickler Tobias Harth, haben wir über einen Monat an meinem Blogdesign gearbeitet. Wir haben ein Produkt kreiert, das ich ziemlich cool fand und das meinen Vorstellungen entsprach, aber für den Markt und meinen Blog leider vollkommen ungeeignet war. Jetzt, über ein Jahr später, möchte ich ein paar Sachen zusammentragen, die ich aus diesem Flop mitgenommen habe.

Kosten: Stundenlohn, Plugins, die verarbeitet wurden, Tools usw. ich glaube, wir haben jenseits der 3.000 verpulvert.

Vorgeschichte:

Ich habe früher immer mit gekauften Premiumthemes gearbeitet. Für eine Lizense habe ich in der Regel zwischen 50 und 200 Euro ausgegeben. In einem Gespräch mit meinem Entwickler Anfang 2016, kam die Idee auf, für SamFeuerstein.com ein eigenes Theme zu entwickeln. Ich wollte etwas »eigenes«, das hochwertig aussieht. Vor allem aber, war ich davon genervt, dass ich auf fast allen Blogs mehr oder weniger das gleiche Theme gesehen habe. Wichtig war mir außerdem, dass mein Blog mit einer geringen Ladezeit auskommt.

Der erste Entwurf:

Wir hatten ursprünglich 20 Arbeitsstunden für das Theme angesetzt. Nach fünf Stunden Arbeit präsentierte mein Entwickler mir einen Header, den ich ganz cool fand. Nach weiteren zehn Stunden Arbeit kam er mit einem Grundentwurf daher, der mir nicht mehr gefiel. Er war nicht cool, hip oder innovativ. Er erinnerte mich – bis auf ein paar kleine Abweichungen – an das gekaufte 50$ Theme, das ich vorher auf meinem Blog hatte. Leider hatten wir jetzt schon 75% unserer gesamt angesetzten Arbeitszeit verbraten.

Die erste Erkenntnis (und es sollte nicht die letzte sein) ist also: setze realistische Zwischenziele, damit du abschätzen kannst, ob du dich noch im Zeitplan befindest.

Wireframes in Photoshop

Ich war wirklich abgefuckt. Also bin ich auf Themeforest gegangen und habe mich einem Rausch hingegeben, ich habe einen ganzen Nachmittag damit verbracht mich durch WordPress Themes zu wühlen, die ich cool und ansprechend fand. Ich habe daraus Wireframes in Photoshop gebastelt und sie ihm zugeschickt. Außerdem war ich so genervt davon, dass wir unseren Zeitplan überschritten hatten, dass ich von nun an, bei jedem Element, das am Theme gecoded werden sollte, vorher fragte: »Wie lange brauchst du dafür?«. Anschließend habe ich einen Timer auf meinem Handy gestellt und habe ihn nach ablaufen des Timers wieder kontaktiert mit der Frage: »Bist du fertig?«

Diese Monitoringaufgabe war extrem zeitfressend, erfüllte aber ihren Zweck. Wir waren auf einmal wirklich viel besser m Zeitplan und die Einschätzungen darüber, wann Zwischenziele erreicht wurden, wurden realistischer.

Die Kehrseite der Medaille war aber, dass ich in den Intervallen (30-60 Minuten) zwischen diesen beiden Fragen nichts von meinen eigenen Aufgaben geschafft habe. Es hätte sich einfach nicht gelohnt Aufgaben anzufangen, die große Konzentration erforderten, wenn man wusste, dass man bald wieder rausgerissen wurde. Also habe ich auf meinem iMac SIMS 4 installiert und mir zur Lebensaufgabe mit meinem Sim alle weiblichen Sims in der Nachbarschaft zu schwängern. Als das Theme endlich fertig war, war ich stolzer 23 facher Vater und 47 Facher Großvater.

Aber genug von meiner übersimlichen Potenz, kommen wir zurück zu den Sachen, die nicht so gut funktionierten: Das Blog Theme.

Der Fehler lag wie so oft im Konzept

Heute weiß ich, dass mein größter Fehler schon in der Fragestellung lag. Ich hatte von Anfang an nicht wirklich definiert, was dieses Theme eigentlich können sollte. Wo war sein Nutzen? Ich wollte ein Design, das meine Persönlichkeit möglichst gut abdeckte und, das viele coole Eigenschaften (Features), hatte. Aber dabei habe ich vollkommen aus dem Blick verloren, dass sich der spätere Besucher weniger für Features interessiert, sondern für Benefits. Er will Mehrwerte. Der Entwickler bzw. in meinem Fall, der Auftraggeber denkt: »Das ist cool, das will ich haben« Der Nutzer fragt: »Wozu ist es gut?«

Mein Theme war voll mit Features, aber es hatte keine Benefits.

Hier eine kleine unvollständige Liste mit unheimlich coolen Features, die dieses Theme besas, aber die allesamt keinen praktischen Nutzen besaßen:

  • Direkt im Header waren zwei Auswahlpunkte, die einfach schön aussahen. Aber niemand hatte eine Ahnung, zu welchen Unterseiten sie überhaupt führen sollten
  • Auf der Startseite gab es ein Balkendiagram, das zählte, wie viele Tage im Jahr ich an meinen drei Wohnorten, Hamburg, Wien und Mallorca verbrachte.
  • Dadrunter connectete sich das Theme mit der Swarm API, um anzuzeigen, wo mein letzter Standort war.
  • Direkt dadrunter war Platz für drei featured Article, ohne, dass wir zu diesem Zeitpunkt gewusst hätten, welche da eingebunden werden
  • Es folgte ein cooler Instagramslider – Der war tatsächlich mal zu etwas gut. Allerdings selbstgecoded, das in der Praxis wieder zusätzliche Arbeitsstunden ausmachte, statt einfach ein Plugin zu kaufen und es ggf. anzupassen.
  • Unter dem ersten Blogartikel kam ein Counter. Ich finde den immer noch cool. Er zeigte die Anzahl meiner Fans/Follower auf Social Plattformen und die Anzahl der, in diesem Jahr, zurückgelegten Kilometer

Lean: Ist das Code (oder) kann das weg?

Wir nähern uns einem anderen großen Problem. Das Theme war voll mit Müll. Nicht nur überflüssige Codezeilen, sondern auch einfach verschwendete Zeit und Energie. Ein wichtiger Ansatz der »Lean Start-up«-Philosophie ist es, dass man den Waste reduziert. »Lean sein« bedeutet für ein Produkt (in diesem Fall ein Theme) zu erkennen, was überflüssig ist und es systematisch zu eliminieren. Ein großer Teil dieses Zeugs hatte keinen Nutzen. Mehr noch es war doppelt und dreifache Arbeit.

Mir war zum Beispiel wichtig, dass ich möglichst viel an der Startseite selbst ändern kann, ohne mich durch den Code meines Entwicklers zu wühlen. (Was ich sogar noch gekonnt hätte, aber man ist ja faul). *Klingeling* Das Jahr 2003 hat angerufen und vorgeschlagen, dass wir ein überladenes Adminpanel mit ganz vielen individual Fields bauen, in die ich mit HTML Änderungen an der Startseite eintragen kann. Verdammt, was für eine scheiß Idee war das?

Der Code war inzwischen so riesig und unhandlich, dass die Page fast eine Minute zum Laden gebraucht hat. Außerdem haben wir direkt auf der Startseite etliche APIs abgefragt, die die Ladezeit noch einmal erhöht haben.

Das hat uns nicht nur viele Stunden an Arbeit gekostet, es wäre auch mit dem Einsatz von Visual Composer fehlerfreier und ladezeitoptimierter gegangen.

Dieses Beispiel steht exemplarisch für einen Fehler, der sich durch das ganze Theme zog. Überall wurden in mühevoller Kleinarbeit eigene Lösungen gecoded, statt sich auf das zu konzentrieren, was man hat. Es gibt da draußen so viele geile Plugins, die man – mit einem Bruchteil der Arbeit – hätte modifizieren können, statt das Rad krampfhaft neu erfinden zu wollen.

Doch es kam noch schlimmer

Ein Bekannter hatte mir eine coole Seite gezeigt, auf der man die neusten Design Trends für 2016 nachlesen konnte. Ich wollte sie alle. Splitscreens, Gitter-Anordnung der Artikel, Carddesign wie Pinterest. Scheiß egal, ob es zusammengepasst hätte oder nicht. Ich fühlte mich wie ein Kind, das nachts in einem Kaufhaus eingeschlossen war und alles und in den Einkaufswagen klatschte, um zu Hause Dracula und Frankenstein auf der selben Burg zu platzieren – ich meine, gibt es etwas Abwegigeres als Dracula und Frankenstein im selben Keller? Die beiden kannten sich nicht mal… Nicht mal bei meinen Sims würde ich eine WG mit Dracula und Frankenstein machen, aber ich schweife ab: ihr versteht, worauf ich hinaus möchte.

Ich hatte auf der Page auf einmal wirklich alles wild zusammengewürfelt. Das Einzige, was an meinem Interface jetzt noch fehlte, war der Nutzen.

Okay, das Theme war dann tatsächlich irgendwann fertig. Aber immer noch total verbuggt und befriedigte im Endeffekt nur mein Ego, weil ich das umgesetzt bekommen habe, was ich haben wollte.

Was hätte ich besser machen können?

Jetzt ein Jahr später habe ich verstanden, dass ein guter Zimmermann mehr ist als jemand, der mit einem Hammer umgehen kann, um einen Nagel zu treffen. Es ist jemand, der Hammer und Nagel benutzt, um damit etwas zu bauen. Du kannst noch so schön Nägel in ein Brett schlagen, das ist alles nichts wert, wenn am Ende kein Haus dabei rumkommt.

Ich möchte daher kurz zusammenfassen, was man hätte besser machen können:

  • Definiere Ziele, die du erreichen möchtest. Was soll mit dem Traffic auf deinem Theme geschehen? Was ist dein »Call to Action«, der sich durch die ganze Arbeit zieht?
  • Definiere Messgrößen, an denen du den Erfolg deiner Arbeit ausmachen kannst. Beispielsweise Ladezeit oder in Tests mit deiner Zielgruppe, die Zeit, die sie benötigen, um zum Ziel zu kommen.
  • Konzentriere dich auf deine Kernziele und vermeide überflüssigen Schnickschnack, deren Umsetzung nur als Beschäftigungstherapie dient. Stichwort: Ich schreibe Sachen auf eine Todoliste, weil es mir so viel Spaß macht, sie abzuhaken.
  • Konzentriere dich auf den Nutzen, den die Konsumenten später haben. Benefits > Features

Ein schlauer Mensch sagte einmal:

»Nur was messbar ist, kann erreicht werden«.

Ca. 2.000 Jahre vorher formulierte das bereits Seneca schon mit:

»Für ein Schiff, das seinen Hafen nicht kennt, weht kein Wind günstig«

Wir haben uns damals einem blinden Aktionismus hingegeben, in dem wir alle Werkzeuge nutzen wollten, einfach nur, weil wir sie hatten. Nicht, weil sie uns zum Ziel geführt hätten.

Sam
 

Ich bin Sam, 27, Reisender und zur Zeit „obdachlos auf ganz hohem Niveau“. Ich habe mal sehr viel Geld mit eBooks verdient, bis Amazon es mir verboten hat.

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Florian - 18. September 2017

Schöner Post, der zum Nachdenken anregt. Auch ich hatte eine Zeit wo ich mich in der Technik verloren habe. Jetzt werden „stumpf“ alle Projekte mit Thrive Themes oder Divi umgesetzt. Wie ich sehe, bist Du auch ein Fan von Thrive 😉

Beste Grüße aus Hamburg!

Florian

Reply
    Sam - 21. September 2017

    Hey Flo!

    Ja das macht es wirklich einfacher. Aber ich habe viel daraus gelernt, dafür lohnt es sich 🙂

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