Hyperfocus (Buchrezension)


Das nächste Buch über Produktivität. Nach „Essentialismus – Die konsequente Suche nach Weniger“ und „Mehr Zeit“ reiht sich „Hyperfocus“ von Chris Bailey perfekt in meine Sammlung der Produktivitätsbücher ein. 

💡 Die Konzentration auf die eine Sache

Bei Hyperfocus geht es um die gezielte Konzentration auf eine Sache. Es geht – wie bei den meisten anderen Produktivitätsbüchern der letzten Jahre – vor allem darum Ablenkungen zu vermeiden und uns ganz gezielt in eine Umgebung zu begeben, in der eine Hyperfokussierung möglich ist. Hierbei knüpft das Buch an die Ideen aus „Konzentriert arbeiten“ von Cal Newport und „The One Thing“ an. 

Den Zustand, in dem wir mit einem Laserfokus auf eine Sache gerichtet sind, nennt Bailey Hyperfokussierung. 

🐝 Die Streufokussierung (Default Modus)

Der Default Modus ist ein Konzept, das ich bereits bei Barbara Oakley  „(K)ein Gespür für Zahlen“ (Original: A Mind for Numbers) und „Organized Mind“ von Daniel Levine , sowie bei Benedict Carey „Neues Lernen – Warum Faulheit und Ablenkungen dabei helfen“ gefunden habe. Chris Bailey nennt diesen Zustand die Streufokussierung.

Hierbei geht es um den Zustand unseres Gehirns, wenn der Geist auf Wanderschaft geht. Wir kennen dieses Phänomen vielleicht vom Zugfahren oder vom Autofahren (als Beifahrer:in). Wenn der Blick irgendwo kleben bleibt und unsere Gedanken ohne richtiges Ziel umherspringen. Ich verfalle sehr oft in diesen Zustand und aus irgendeinem Grund scheint es für meine Mitmenschen unerträglich zu sein, mich in diesem Zustand zu belassen. Denn allzuhäufig versuchen andere Menschen mich dann mit „Hallo? Nicht träumen!“ In die Gegenwart zurückzuholen. 

Das ist doppelt ärgerlich. Zum einen, weil ich es grundsätzlich nicht mag wenn andere Personen meinen sie wüssten besser als ich, womit ich meine Zeit verbringen sollte. Und zum anderen, weil inzwischen erforscht wurde, dass eben dieser Default-Modus, also die Streufokussierung, für die Verarbeitung von Informationen extrem nützlich ist. Tagträumen macht uns erwiesenermaßen kreativer und produktiver, weil das Gehirn diese Tagträume nutzt, um die neuen Informationen zu katalogisieren und zu verarbeiten. 

Wenn wir bei unseren Freund:innen, Partner:innen oder Kindern bemerken, dass sie in Tagträume abdriften, ist das beste was wir für sie tun können, sie nicht zu stören.

Und das gilt natürlich auch für uns selbst. Viele Menschen, die ich kenne sind einem Paradigma der immer währenden Produktivität unterworfen. Wenn sie sich selbst dabei erwischen, dass ihre Gedanken auf Wanderschaft gehen, reißen sie die Gedanken gewaltsam wieder zurück und zwingen sich, sich wieder auf das zu konzentrieren, was sie gerade machen. Das ist natürlich dann, wenn wir wirklich aktiv an einer Sache arbeiten und uns gerade in der Phase der Hyperfokussierung befinden sinnvoll. Doch für unseren Fokus und unsere Kreativität ist das das Schädlichste, was wir tun können, wenn wir diese Phase nie zulassen.

Hier kommt es auf die richtige Balance an. Wenn wir häufig hyperfokussieren ist es wichtig, dass wir die Streufokussierung strategisch einsetzen, um unsere Akkus wieder aufzuladen und die Kreativität zuzulassen.

Denn das zerstreute Denken macht uns kreativ. Wenn wir in einem entspannten Zustand sind, in dem unser Geist umherwandert, von einem Thema zum nächsten springt und immer wieder zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wechselt, setzt unser Gehirn die losen Enden zusammen. 

Ein tolles Buch an der Stelle ist auch „(K)ein Gespür für Zahlen“ von Barbara Oakley, das im mvg Verlag erschienen ist. Sie empfiehlt ihren Studenten bei analytischen Problemen zum Beispiel in der Mathematik ganz bewusst Pausen zu machen und die Macht der Streufokussierung zu nutzen, um das Gehirn im Hintergrund arbeiten zu lassen.

😴 Schlaf

Schlaf ist eines meiner Lieblingsthemen, wenn es um Produktivität und Lernen geht. Daher fand ich es besonders interessant, dass Bailey ausführt, dass die Tagträume während der Streufokussierung auf neurologischer Ebene große Überschneidungen mit den Träumen im REM-Schlaf haben. Wir wissen heute, dass der REM Schlaf einen wichtigen Anteil daran hat, wie unser Gehirn mit Erinnerungen umgeht. Diese Traumschlafphasen helfen dabei uns produktiver zu machen, weil die neuen Informationen verarbeitet werden.

Für mich war es daher besonders interessant zu erfahren, dass auch Tagträumen daran einen Anteil hat, auch wenn der tatsächliche Traumschlaf immer noch effizienter ist. 

Streufokussierung vs. Hyperfokussierung bei komplexen Problemen

Bei komplexen Problemen profitieren wir davon, wenn wir die Macht der Streufokussierung genau so einsetzen, wie die Hyperfokussierung. Wenn wir nicht weiterkommen, können wir das Problem an unser Unterbewusstsein delegieren und bewusst eine Pause einlegen, in der wir die Gedanken auf Wanderschaft schicken.

Wenn wir die Hyperfokussierung häufig anwenden, werden wir mit der Zeit merken, dass unser Geist sich verändert. In dem Maße, in dem unsere Konzentrationsfähigkeit auf eine Sache beziehungsweise unsere Präsenz im Augenblick zunimmt, nimmt die zufällig eintretende Streufokussierung ab. Das bedeutet, dass unsere Gedanken seltener umherwandern. Wir wollen diese Fähigkeit aber nicht einbüßen, daher wird es dann umso wichtiger, dass wir uns ganz bewusst Pausen schaffen, um zu streufokussierten. 

Ein guter „Hack“ ist, dass wir Aufgaben bewusst in der Mitte abbrechen. Unser Geist wird dann immer wieder zu diesen Aufgaben zurückkehren und an ihnen weiterarbeiten, während wir unsere Gedanken schweifen lassen. 

Fazit: Die Zeit, in der du nicht arbeitest ist für deine Produktivität und Kreativität genau so wichtig, wie die Zeit in der du arbeitest. 

Es ist ein bisschen wie mit dem Sport. Muskeln wachsen nicht beim Training, sondern in der Ruhephase. Wer viel trainiert weiß, dass die Zeit in der er:sie nicht trainiert (und was die Person in dieser Zeit macht) genau so wichtig für den Erfolg ist, wie die Zeit in der trainiert wird. 

So ist es beim Arbeiten auch. Wenn wir unsere Produktivität steigern wollen, hilft es nicht, wenn wir immer mehr und mehr arbeiten. Das Gegenteil ist der Fall. Die Zeit, in der wir nicht arbeiten ist mindestens genau so wichtig, wie die Zeit in der wir arbeiten. Und das was wir tun, wenn wir nicht arbeiten, bestimmt unseren Erfolg bei der Arbeit. 

Gezieltes Ausruhen hat in meinem Leben in den letzten Jahren einen immer größeren Stellenwert zugewiesen bekommen. Wenn wir uns ausruhen, dann tauschen wir unsere Zeit gegen Energie ein. Wir verschwenden sie also nicht oder verlieren sie. Wir setzen sie sehr strategisch ein um in unserer Arbeitszeit deutlich produktiver zu sein.

Für mich ist seit langem der wichtigste Tipp, um wirklich produktiv zu sein: ausreichend schlafen!

Wer glaubt, dass er seinen Schlaf um eine Stunde kürzen kann, um mehr zu arbeiten verliert in meinen Augen (und Bailey sieht das sehr ähnlich) mindestens zwei Stunden Produktivität. Nicht nur, dass wir langsamer werden, wir werden auch unkreativer, unsere Auffassungsgabe verschlechtert sich und wir machen signifikant mehr Fehler, wenn wir unausgeschlafen sind. Es ist also meiner Ansicht nach das dümmste was man machen kann, wenn man am Schlaf spart.

Inzwischen zeichnet sich ab, dass das gleiche auch (eventuell etwas weniger drastisch) zutrifft, wenn wir an Ruhepausen sparen. Zeit in der wir unsere Konzentration und unseren Aufmerksamkeitsraum bewusst trainieren, zum Beispiel durch Meditation oder andere Konzentrationsübungen, aber auch Zeit in der wir unserem Gehirn die Möglichkeit geben in einer reizärmeren Umgebung auf Wanderschaft zu gehen zum Beispiel bei redundanten Aufgaben oder einem Spaziergang, sind enorm wichtig um uns produktiv zu halten. Wir bilden damit einen laserstrahlscharfen Fokus aus, auch wenn wir bei diesen Aufgaben nicht direkt an unseren Projekten arbeiten. 

Im Businesskontext sagt man häufig, dass der Selbstständige im Unternehmen arbeitet und der Unternehmer am Unternehmen. Ich glaube in Sachen Produktivität profitieren wir alle davon, wenn wir uns ein bisschen mehr als Unternehmer unseres eigenen Körpers sehen. Anstatt nur an unserem Business oder unseren Projekten (das Erlernen einer neuen Sprache, sportliche Ziele, die Uni usw.) zu arbeiten, lohnt es sich einen Schritt auf die Meta-Ebene zu gehen und stattdessen an unserer Produktivität zu arbeiten. 

Indem wir ganz bewusst trainieren fokussierter zu werden, aber auch indem wir unserem Geist die Möglichkeit geben zum einen sehr kreativ zu brainstormen und zum anderen durch gezielte Erholung auch wieder Kraft zu tanken.

Abraham Lincoln sagte einst sinngemäß: Wenn ich sieben Stunden habe um einen Baum zu fällen, dann würde ich fünf Stunden darauf verwenden die Axt zu schärfen.

Genau das ist es, was ich meine, wenn ich sage dass wir Unternehmer an unserem Körper und Geist sind. Anstatt, dass wir uns in unserem normalen Arbeitsalltag 8 Stunden auf unser Projekt fokussieren, tun wir gut daran einen Teil dieser Arbeit auf das Schärfen der Axt zu verwenden: Gezielte Erholung, taktisches Brainstorming in der Streufokussierung und Training zur Aufrechterhaltung unseres Fokus wie Meditation oder Konzentrationsübungen. 

Anstatt 8 Stunden zu arbeiten und mittelmäßige Ergebnisse zu erzielen, ist es besser 2 Stunden zu arbeiten, in der Zeit das zu schaffen, was andere in 10 Stunden schaffen und 6 Stunden die Axt zu schärfen.

Hyperfocus ist für mich ein sehr gutes Buch, weil es exemplarisch für eine neue Ära der Produktivität steht. Vielleicht liegt es an der Reihenfolge, in der ich in letzter Zeit die Bücher über Produktivität gelesen habe (Essentialismus, Mehr Zeit, Hyperfocus), doch Hyperfocus gefällt mir – Stand jetzt – am Besten. Das liegt aber vielleicht wirklich daran, dass ich die Ideen der anderen Bücher im Hinterkopf hatte und die Gedanken aus Hyperfocus so auf meine „Vorarbeit“ drauf setzen konnte und mit meinen Überlegungen aus der letzten Zeit abgleichen konnte. 

Dieses Buch kann ich uneingeschränkt jedem empfehlen. Es eignet sich für Einsteiger:innen in die Produktivitätsliteratur, wie auch für Fortgeschrittene gleichermaßen.

Vielen Dank an den Redline Verlag für das Rezensionsexemplar.