Essentialismus


„Essentialismus – Die konsequente Suche nach Weniger“ ist ein Buch, das ich schon lange lesen wollte. Denn ich habe seit einigen Jahren ein großes Interesse am Minimalismus entwickelt. 

Essentialismus geht noch einen Schritt weiter. Es ist mehr als seinen Kleiderschrank auszusortieren und weniger Deko zu kaufen. Der Autor wendet einen radikalen Minimalismus auf unsere Arbeitsethik an und steht damit im radikalen Gegensatz zur aktuell weit verbreiteten „Das schaffe ich auch noch“-Mentalität in unserer Gesellschaft.

Werde produktiver, indem du weniger machst

Wer mir auf Instagram folgt, der bekommt schnell den Eindruck, dass ich die Arbeit nicht erfunden habe. Das ist wahr. Ich arbeite wirklich nur sehr wenig. Häufig werde ich gefragt: „Wie schaffst du das alles, obwohl du scheinbar nur am Pool liegst?“ Die Wahrheit ist: ich bin sehr produktiv. Nicht, obwohl ich viel am Pool liege, sondern weil ich viel am Pool liege. Ich gehe sehr geizig mit meiner Zeit um und stecke sie lieber in Regeneration und Erholung, damit ich dann – wenn ich arbeite – wirklich 100% geben kann.

Das hat mir bei vielen Menschen den Ruf eingebracht unhöflich zu sein. Ich reagiere zum Beispiel sehr ungehalten darauf, wenn Leute mich anrufen. Früher antwortete ich passiv aggressiv mit einem zynischen „Oh nein, du störst nicht – wieso solltest du auch?“ Heute bin ich direkter, was nicht weniger unhöflich wirkt: „Ja du störst. Schreib mir eine Email“. Manche Menschen sind trotzdem resistent und verstehen es nicht, denen muss man dann direkt sagen: „ruf mich nie wieder an“. Geschäftsbeziehungen sind schon daran zerbrochen. Doch es ist niemandem damit geholfen, wenn ich von meinen Regeln abweiche. Ich weiß einfach, dass es meine Produktivität auf einen Bruchteil herunterfährt, wenn ich immer wieder unterbrochen werde und mit einem Cocktail am Pool liegen ist nun mal wertvolle Regenerationszeit. Ich klinge wahrscheinlich gerade wie ein Arschloch. 

Ich weiß, dass dieser Ansatz sehr gut für mich funktioniert. Umso besser hat es mir gefallen, dass Greg McKeown genau diese Mentalität zum Kernstück von „Essentialismus“ gemacht hat: Sag öfter nein. Schmeiß belangloses aus deinem Alltag, um Platz zu schaffen für die wirklich wichtigen Dinge. 

Parallelen zu The One Thing

Das Buch hat mich sehr an „The One Thing“ erinnert. „The One Thing“ ist eines meiner Lieblingsbücher, wenn nicht sogar das beste Produktivitätsbuch, das ich je gelesen habe. Im Kern geht es darum, dass wir immer die eine Sache auswählen, die von allen zu erledigenden Aufgaben alle anderen Aufgaben einfacher oder überflüssig macht. 

Ich verfolge diesen Ansatz selbst, indem ich mich – immer wenn ich mich von Aufgaben überrollt fühle – frage: „Wenn du heute nur eine Sache erledigen könntest – Welche wäre es?“ 

Diese Frage habe ich 2015 für mich entwickelt (lustigerweise bevor ich The One Thing gelesen habe). Damals habe ich bemerkt, dass der größte Teil meines Einkommens durch einige wenige Tasks kam, auf die ich meistens überhaupt keinen Bock hatte. Ich beschäftigte mich lieber mit anderen kreativen Dingen, die aber nur einen kleinen Teil meines Incomes ausmachten. Also stand ich jeden Morgen auf und nahm mir vor, dass ich heute nur eine einzige Sache machen würde und danach ganz viel Zeit hätte um ALLES zu mahnen worauf ich Lust hatte. Das wichtige war nur, dass ich die Sache so auswählte, dass es wirklich den größten Unterschied machte. Anstatt dass ich fünf oder sechs Aufgaben zu bewältigen hatte, die alle irgendwie wichtig waren, stellte ich mir einfach vor, ich hätte beim besten Willen heute nur die Zeit um genau eine dieser Aufgaben auswählen: Welche würde ich nehmen? Welche hätte den größten Impact auf mein Leben? 

Mit dieser Aufgabe habe ich dann direkt morgens gestartet. Egal wie lange sie gedauert hat. Meistens war sie nach 1 Stunde fertig, es hätte aber auch mal länger sein können. Danach hatte ich frei. 

2015 war das Jahr, indem ich das erste Mal Sechsstellig verdient habe. Ich glaube diese Arbeitsroutine hatte darauf den größten Einfluss.

Sag Nein zu Belanglosigkeiten

Essentialismus bedeutet also öfter Nein zu sagen. Entferne belangloses aus deinem Alltag. Wenn du für eine Aufgabe kein klares JA hast, dann ist die Antwort ein klares Nein. Damit schafft man sehr viel Platz in seinem Tagesablauf, den man nutzen kann, um sich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren.  Ich bin bis heute sehr stolz darauf, dass ich während der ganzen Corona-Pandemie weniger als 10 Zoom Meetings gemacht habe und wenn ich ehrlich bin: nach jedem Zoommeeting lösche ich die App von meinem iPhone oder meinem Macbook. Nur wenn jemand unbedingt ein Zoom-Meeting machen möchte, lade ich sie wieder runter und installiere sie. Nur um sie direkt danach wieder zu löschen. Der Nutzen eines solchen Meetings muss schon sehr hoch sein, damit ich von meinem üblichen Credo „Zoom kommt direkt aus der Hölle“ abweiche. 

Doch was sind eigentlich die wirklich wichtigen Dinge? Sicher gibt es auf der Arbeit einige Tasks, die wir benennen können, die einen größeren Impact haben als andere. Pareto Prinzip, dies das Ananas. Doch neben den berufsbezogenen Aufgaben gibt es noch ein paar andere, die unsere Produktivität und unsere Lebensqualität enorm steigern. 

Schlafen

„Schlafen kann ich wenn ich tot bin“ – Ja und die Chancen stehen sehr gut, dass du diesen Zustand bald erreichen wirst, wenn du wenig schläfst. Falls du es noch nicht gelesen hast: „Das große Buch vom Schlaf“ („Why we Sleep“) von Matthew Walker wird dein Leben verändern. Walker zeigt auf, welchen enormen Einfluss der Schlaf auf unsere Gesundheit, unsere Produktivität und unser Wohlbefinden hat. So sterben zum Beispiel jedes Jahr im Straßenverkehr mehr Menschen durch Schlafmangel, als durch Alkohol und Drogen zusammen.

Darauf geht auch McKeown in Essentialismus ein. Er erklärt, dass Menschen, die zu wenig schlafen kognitive Ausfälle bekommen. Wer eine Nacht durchmacht, ist kognitiv etwa so auf der Höhe wie jemand mit über 1 Promille Blutalkoholspiegel. Betrunken zur Arbeit kommen ist in manchen Branchen immer noch nicht akzeptiert, doch mit einem enormen Schlafdefizit auf der Arbeit erscheinen gilt als Heldentat. Ich höre und lese so oft von Leuten, die sich damit brüsten, dass sie nur 4 Stunden Schlafen, damit sie mehr Zeit für ihr Business, Sport oder das Studium haben. Die Wahrheit ist aber, dass all diese Bereiche davon profitieren würden, wenn sie 8 Stunden Schlafen würden. Denn Schlaf ist keinesfalls „tote Zeit“. Im Schlaf arbeitet unser Gehirn für uns. Es kategorisiert die Informationen neu, bewertet Situationen emotional und stärkt unser Gedächtnis. 

Mir hat dieses Kapitel sehr gut gefallen, auch wenn es für meinen Geschmack gern noch etwas länger hätte sein können. Wer sich bisher noch nicht mit Schlaf beschäftigt hat, sollte daher auf jeden Fall neben dem Buch „Essentialismus“ auch das oben erwähnte Buch von Matthew Walker lesen. 

Spielen

Spielen ist ebenfalls etwas, das wir im Alltag häufig unterschätzen. Wir denken, das ist nur etwas für Kinder. Und als ernstzunehmende Erwachsene haben wir natürlich keine Zeit für so etwas. Häufig belächeln wir Menschen, die ihre Zeit mit Videospielen „verschwenden“, weil man in der Zeit ja auch an seinen Träumen arbeiten oder Sport machen könnte. 

Doch in Wirklichkeit hilft spielen dem Gehirn. Wenn wir unter Stress stehen, nimmt die Aktivität in der Amygdala zu, wohingegen die exekutiven Funktionen im vorderen Gehirn zurückgefahren werden. Das führt dazu, dass wir häufiger vergessen, Zusammenhänge nicht richtig erschließen und generell mehr Fehler machen. Spielen hingegen hilft unserem Gehirn sich wieder neu zu Kalibrieren und senkt den Stresspegel. 

Das war für mich einer der größtem Aha-Momente während des Lesens und ich werde jetzt mit gutem Gewissen zu Apple Arcardes Strategiespiel Outlanders zurückkehren, um meine exekutiven Fähigkeiten zu verbessern. 

Fazit

Ich wünschte ich hätte dieses Buch noch früher gelesen. Wenn ich ein Buch lese, denke ich dabei immer darüber nach, wem aus meinem Bekanntenkreis ich dieses Buch empfehlen würde. (Meistens komme ich zu dem Schluss, dass ich jedes gute Buch jedem empfehlen würde) Häufig unterteile ich Bücher, dabei grob in „Für Menschen geeignet die noch nicht so viel in diesem Bereich gelesen haben“ und „Für Menschen geeignet, die schon tief in diesem Bereich drin sind“. Naturgemäß gibt es deutlich mehr Bücher, die sich an Anfänger:innen richten. Also Bücher über Produktivität, Business, Marketing, Persönliche Entwicklung et cetera, die nicht so stark in die Tiefe gehen und eher einen oberflächlichen Abriss bieten (was nicht schlecht sein muss). Doch mit Essentialismus habe ich ein seltenes Goldstück ausgegraben, dass ich ganz vielen Menschen empfehlen würde, von denen ich weiß, dass sie schon viele Ratgeber über Produktivität und persönliche Entwicklung gelesen haben.

Denn die meisten Bücher über Produktivität und Weiterentwicklung folgen einem einfachen Muster: Schreib auf, womit du deine Zeit verbringst, maximiere deine Zeit, indem du beim Autofahren oder beim Joggen Hörbücher hörst, geh die Extrameile. 

Das ist für viele Menschen sicher zunächst ein sehr sinnvoller Ansatz. Doch häufig schießen wir damit über das Ziel hinaus. Irgendwann wachen wir auf und stellen fest, dass wir vor lauter Verpflichtungen nicht mehr wissen, wo uns der Kopf steht. Wir haben das Gefühl, wir sind 24/7 beschäftigt und haben doch nichts geschafft. Irgendwann können wir unsere Produktivität nicht mehr damit steigern, dass wir die Extrameile gehen oder das Hörbuch auf doppelten Speed stellen, um Zeit zu sparen. Dann brauchen wir einen neuen Ansatz und genau hier greift Essentialismus. Ich glaube, dass viele – vor allem Wissensarbeiter – von diesem Ansatz stark profitieren werden.

Wenn du also das Gefühl hast, dass du nichts mehr geschafft kriegst, dass ständig jemand was von dir will, dass du dich nicht noch mehr zerreissen kannst, dann möchte ich dir ein paar Bücher ans Herz legen:

  • Essentialismus – Die konsequente Suche nach Weniger von Greg McKeown
  • Konzentriert Arbeiten von Cal Newport
  • The One Thing 
  • Das große Buch vom Schlaf von Matthew Walker